Sport, Entwicklung und was Kinder wirklich bewegt
Jedes Jahr werden Millionen von Kindern in Sportmannschaften eingeteilt, nach Jahrgang, nach Geburtsjahr. Das klingt fair. Ist es aber nicht immer.
In vielen Sportarten werden Kinder in Jahrgänge eingeteilt, geboren zwischen Januar und Dezember. Ein Kind, das im Januar geboren ist, kann am Ende eines Jahrgangs fast ein Jahr älter sein als ein Kind, das im Dezember desselben Jahres geboren wird. Bei Sieben- oder Achtjährigen entspricht ein Jahr einem enormen Unterschied in Körpergröße, Kraft, Koordination und Reife. Der Sportpsychologe Roger Barnsley identifizierte diesen Effekt in den 1980er Jahren erstmals im kanadischen Eishockey und stellte fest, dass Spieler mit Geburtstag im ersten Quartal des Jahres in Profiligen massiv überrepräsentiert waren. Seitdem wurde der Effekt im Fußball, Tennis und der Leichtathletik bestätigt.
Trainer selektieren, oft unbewusst, Kinder die größer, kräftiger und reifer wirken. Diese Kinder werden häufiger eingesetzt, bekommen mehr Trainingszeit, mehr Einzelfeedback, mehr Verantwortung im Spiel. Sie wachsen in die Rolle des talentierten Kindes hinein, weil alle um sie herum sie so behandeln. Das Selbstvertrauen wächst, die Leistung folgt, und mit jedem Jahr wird es schwieriger zu sagen, was ursprünglich Alter war und was tatsächlich Talent ist.
Für Kinder mit spätem Geburtsmonat läuft derselbe Mechanismus in die andere Richtung. Mit acht Jahren sitzen sie auf der Bank, bekommen weniger Rückmeldung, werden seltener in entscheidenden Momenten eingesetzt. Mit zehn ist der Abstand zum Jahrgangsältesten nicht mehr nur körperlich, er ist auch in Erfahrung, Selbstvertrauen und Wahrnehmung durch den Trainer gewachsen. Viele dieser Kinder verlassen den Sport mit zwölf oder dreizehn, mit dem Gefühl nicht gut genug zu sein, ohne je unter gleichen Bedingungen gespielt zu haben.
Was dabei oft übersehen wird: Auch früh geborene Kinder zahlen einen Preis. Sie werden selten wirklich gefordert, weil ihr körperlicher Vorsprung viele Situationen für sie löst. Einige Studien legen nahe, dass sie dadurch wichtige Entwicklungsschritte überspringen und ihr tatsächliches Potenzial im späteren Verlauf eher unterschreiten als ausschöpfen.
Sprich deinen Trainer darauf an, viele kennen den Effekt nicht. Wenn dein Kind mit spätem Geburtsmonat wenig Spielzeit bekommt, ist das ein sachlicher und wichtiger Gesprächspunkt. Wenn dein Kind mit frühem Geburtsmonat gelobt wird, darf das Lob angenommen werden, aber der Geburtsmonat gehört zur Einordnung dazu. Wer diesen Effekt kennt, schaut anders auf das was er am Spielfeldrand sieht. Das allein verändert schon einiges.
Begleite dein Kind in jedem Moment — mit persönlichem Coaching.