Selbstreflexion, Gespräche und der eigene Blickwinkel
Es ist ein Dienstagabend, kurz vor sieben, und du holst dein Kind vom Training ab. Von der Tribüne aus hörst du, wie der Trainer einen Neunjährigen vor allen anderen anbrüllt, weil der Pass zu kurz war. Dein Impuls ist, aufs Feld zu laufen. Meistens ist es klüger, ihn erst einmal zu bremsen.
Fußballtrainer rufen. Über einen Platz hinweg ist das normal, und ein „Zieh raus!" oder „Hier, hier!" gehört zum Spiel. Kritisch wird es dort, wo es um die Person geht. Wer ein Kind „Versager" nennt, vor der Mannschaft auslacht oder mit Ausschluss aus dem Kader droht, hat eine Grenze überschritten, egal wie laut es dabei ist.
Beobachte deshalb ein paar Trainingseinheiten, bevor du dir ein Urteil bildest. Passiert so etwas einmalig an einem schlechten Tag oder wiederholt es sich? Trifft es immer dasselbe Kind?
Frag zu Hause ruhig nach, ohne den Trainer gleich zu verurteilen. „Mir ist beim Abholen aufgefallen, dass es laut war. Wie hast du das erlebt?" gibt deinem Kind die Chance, selbst zu erzählen. Manche Kinder zucken mit den Schultern, andere sind seit Wochen bedrückt und haben nur nie etwas gesagt.
Ein Satz, der vielen Kindern hilft, lautet „Wenn jemand so mit dir redet, liegt das an ihm. Du darfst trotzdem Fehler machen." Das nimmt dem Kind die Schuld, ohne den Trainer zum Feind zu erklären.
Lass dein Kind auch wissen, dass es dir jederzeit sagen darf, wenn es sich unwohl fühlt. Sag es ruhig laut, selbst wenn es selbstverständlich klingt.
Der Spielfeldrand und die Runde anderer Eltern sind dafür der falsche Ort. Bitte um ein kurzes Gespräch unter vier Augen und beschreibe, was du gesehen hast. „Am Dienstag habe ich gehört, wie du Jonas vor der Gruppe angeschrien hast. Das hat ihn belastet. Kannst du mir sagen, was da los war?" Dieser Satz schildert eine Beobachtung und lässt dem Trainer Raum zu antworten.
Schick vorher keine wütende Nachricht in die Elterngruppe. Das setzt den Trainer unter Druck und macht aus einem Gespräch einen Streit mit Publikum.
Bringt das Gespräch nichts, wende dich an die Jugendleitung oder den Vorstand des Vereins. Viele Vereine haben Ansprechpersonen für Kinderschutz, und die Landesverbände des DFB bieten Hilfe an, wenn es um Verhalten gegenüber Kindern geht. Schreib dir vorher auf, wann was passiert ist, damit du sachlich bleibst.
Du musst nicht jedes Mal sofort eingreifen. Aber wenn dein Kind Angst vor dem Training bekommt, über Bauchweh klagt oder sich zurückzieht, nimm es ernst und sprich mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, falls die Beschwerden anhalten.
Wenn du nicht weißt, wie du das Gespräch mit dem Trainer beginnen sollst, kann Sideline dir passende Formulierungen vorschlagen.
Begleite dein Kind in jedem Moment — mit persönlichem Coaching.